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Mütter nehmen deutlich weniger Rehabilitations-Massnahmen in Anspruch als kinderlose Frauen. Dabei ist jede zweite Ablehnung eines Kurantrags unbegründet.

Von Birgitta vom Lehn

Hannover – „Mütter werden in Deutschland diskriminiert.“ Mit diesem Fazit kommentiert Jürgen Collatz, Wissenschaftlicher Leiter des Forschungsverbundes Prävention und Rehabilitation für Mütter und Kinder an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), die Tatsache, dass die Krankenkassen im vergangenen Jahr jeden zweiten Antrag auf Mutter-Kind-Massnahmen ablehnten, obwohl medizinische und psychosoziale Indikationen vorlagen. In Widerspruchsverfahren erwies sich denn auch fast die Hälfte der Ablehnungen als unbegründet.

Das Müttergenesungswerk (MGW) beklagt einen „Hürdenlauf für Mütter und Väter“ und „eingebrochene Fallzahlen“. Geschäftsführerin Anne Schilling: „Die Aussagen im Bericht der Spitzenverbände sind fragwürdig und erklären nicht Ausgabenrückgänge von 30 Prozent seit 2002.“ Vor vier Jahren beschloss der Bundestag einstimmig das „Gesetz zur Verbesserung der Vorsorge und Rehabilitation für Mütter und Väter“. Seitdem zählen Mutter- oder Vater-Kind-Kuren zu Pflichtleistungen der GKV, die voll finanziert werden müssen. Bis dahin hatten die Kassen die Möglichkeit, die Höhe der Zuschüsse selbst festzulegen, wobei viele Kassen zuletzt ihre Zuschüsse gesenkt hatten. Schien das neue Gesetz also zunächst eine Erleichterung für die Betroffenen zu werden, so verkehrte sich die Absicht ins Gegenteil: Kamen 2002 noch 50 000 Mütter und 68 000 Kinder in den Genuss der Reha-Massnahmen, so waren es 2005 nur noch 34 000 Mütter und 46 000 Kinder.

Das MGW beklagt standardisierte Ablehnungsbescheide, die Umleitung der Anträge an den Rentenversicherungsträger bei berufstätigen Müttern (wo entsprechende Angebote aber gar nicht existieren), gezielt falsche Fachauskünfte und Leistungsverweigerung. Müttern mit Kindern unter drei Jahren wurde zum Beispiel gesagt, ihre Kinder seien „zu klein“, oder Müttern mit mehreren Kindern, es seien „zu viele Kinder“, um mit ihnen an einer Kur teilzunehmen. Auch die Eingrenzung der Anspruchsberechtigung auf Eltern in der „aktiven Erziehungsphase“ entbehre der gesetzlichen Grundlage. Eltern in Umbruchsituationen zwischen fast erwachsenen Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen seien oft enormen Belastungen ausgesetzt. „Angesichts eines Bereichs von 0,2 Prozent der GKV-Gesamtausgaben ist diese Entwicklung weder nachvollziehbar noch vermittelbar“, findet Schill.

„Die Mehrbelastungen in Haushalt und Familie werden nach wie vor überwiegend von Frauen getragen. Aber Erschöpfungssituationen werden kaum als Zustände angesehen, bei denen eine Reha hilfreich ist“, moniert Collatz. Prävention und Rehabilitation seien einzig auf die berufliche Wiedereingliederung fokussiert, die Familie bleibe aussen vor. „Allergische Erkrankungen stellen für Mütter und Väter mehr denn je einen erheblichen Belastungshintergrund dar. Die Betreuung eines an Neurodermitis leidenden Kindes stellt die höchste Belastungsstufe dar, die man sich arbeitsmedizinisch vorstellen kann.“ Nach Ergebnissen des „National Health Interview Surveys“ haben sich bei Kindern und Jugendlichen chronische Erkrankungen und Behinderungen innerhalb von 20 Jahren verdoppelt. In jeder fünften Familie lebt heute ein chronisch krankes Kind.

Nach einem Bericht der Spitzenverbände der Krankenkassen ist der häufigste Ablehnungsgrund von Mutter-Kind-Massnahmen (70 Prozent) der Hinweis, dass die ambulanten Versorgungsmöglichkeiten nicht ausgeschöpft seien. Dabei betont der Gesetzgeber ausdrücklich in einer Informationsschrift, dass eine ambulante Vorgehensweise beim Arbeitsfeld Familie aufgrund der Rund-um-die-Uhr-Tätigkeit „nicht gegeben“ ist. Ein weiterer Ablehnungsgrund der Kassen ist der Hinweis auf die „medizinische Leistung“. Nach Collatz kann aber „nicht der einzelne körperliche Schaden oder die Funktionsstörung“ im Mittelpunkt stehen, sondern muss „die ganzheitliche Person, die erschöpfte Mutter, das beeinträchtigte Kind und das gefährdete Familiensystem“ betrachtet werden. In rund 80 Prozent der Fälle liege ein „Erschöpfungssyndrom“ vor.

Quelle: Die Welt


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