Gesundheit, Wellness, Medizin

Freizeitforscher: „Drei-Generationen-Modell hat ausgedient“

Vier statt drei Generationen gibt es in unserer Gesellschaft: Die Altersgruppe der 55- bis 75-Jährigen lässt sich anhand ihrer Lebenswelt deutlich von jener der älteren Senioren unterscheiden. Belege dafür liefert das Institut für Freizeit- und Tourismusforschung (IFT) http://freizeitforschung.at . „Statt der Dreiteilung Jugend – Arbeitende – Pensionisten hat sich mittlerweile ’60 plus‘ als neue dritte Generation etabliert. Sowohl Politik als auch Wirtschaft übersehen diese Gruppe jedoch“, erklärt IFT-Leiter Peter Zellmann gegenüber pressetext.

Unruhiger Ruhestand

Der Ruhestand dauert heute ein Jahrzehnt länger als 1970. Einerseits stieg die Lebenserwartung – Frauen haben mit 60 heute noch 25 statt zuvor 18 Jahre vor sich, Männer 21 statt 15, andererseits schob sich der Pensionsantritt um drei Jahre vor und liegt nunmehr bei 57 (Frauen) bzw. 59 (Männer). Was die Menschen mit dieser zusätzlichen Freizeitverhalten machen, hat Zellmann mit seinem Team durch eine Metaanlayse repräsentativer Umfragen aus den Jahren 2005 bis 2011 erhoben.

Ruhig sind „Silver Ager“ nicht, zeigt ein Blick auf den Aktivitätslevel: 70- bis 74-Jährige betreiben im Schnitt 14,6 Freizeittätigkeiten regelmäßig, was die Forscher auf die verbesserte Gesundheit in dieser Altersgruppe zurückführen. Zum Vergleich: Im Mittel kommt der Österreicher auf 17,8 Freizeitaktivitäten, nur Jugendliche schaffen Spitzenwerte bis 21. Ab dem 80. Lebensjahr sinkt das Niveau allerdings auf 11,4 Aktivitäten.

Garten statt Disko

Bei der Art der Aktivitäten führt in jedem Alter eindeutig der Medienkonsum – also TV, Radio, Zeitungen und Illustrierte. Überdurchschnittlich verbreitet sind im Alter Wandern, Spaziergang, Gartenarbeit, kulturelle Aktivitäten, Kirchenbesuch sowie Gesellschafts- und Kartenspiele. Ältere Menschen regenerieren sich lieber als jüngere, schlafen aus, gehen Gedanken nach, nutzen Wellness-Angebote oder „pflegen sich in Ruhe“. Was abnimmt, sind Handytelefonate von unterwegs, die PC- und Internetnutzung sowie erotische Aktivitäten.

Die beschaulichen Tätigkeiten der Generation 60+ werden nicht erst im Alter zum Steckenpferd, betont Zellmann. „Man nimmt seine Gewohnheiten ins Alter mit. Deshalb werden die heute 40-jährigen Sportlichen auch in 30 Jahren beweglich sein. Einzig zur Gartenarbeit entdeckt man die Liebe erst spät, wie auch Diskobesuch spezifisch für junges Alter ist.“ Die Kostendiskussion um künftige Pflege und Altenbetreuung dürfe die höhere Aktivität und bessere Gesundheit dieser Generation deshalb nicht übersehen, fordert der Forscher.

Passiv-Konsum greift zu kurz

Auf ein mögliches Problem deuten die Angaben zu den Sozialkontakten: Familienbesuche, Einladungen, Reden über wichtige Dinge sowie auch Unternehmungen mit Freunden und Lokalbesuche nehmen im Alter ständig ab. „Stärker als früher definieren wir uns heute außer durch Freizeit auch durch Arbeit. Fehlt diese plötzlich, halbieren sich die Kontakte automatisch“, sagt Zellmann. Hoffnung bestehe, dass die seit 2008 wieder an Bedeutung gewinnenden Vereine diese Entwicklung auffangen, sofern auch Jüngere durch materielle Anreize wie Pensionsanrechnung für das Ehrenamt gewonnen werden können.

Die Studie beweist für Zellmann einen Aufholbedarf der Gesellschaft. „Die Generation 60+ ist leistungsbereit, vital und hat soziales, finanzielles und kulturelles Kapital. Bisher generiert man aus ihr allerdings nur als passive Konsumenten Wertschöpfung und bindet sie kaum aktiv in soziale Kontexte ein.“ Zukunftsweisend sei neben der Verlängerung der Arbeitsjahre die Abschaffung des Begriffes „Non Profit“, der „nicht wertvoll“ suggeriere. „Man sollte besser von ‚Social Profit‘ im Gegensatz zu ‚Business Profit‘ sprechen – denn sowohl der Einzelne als auch der Staat profitieren davon.“



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