Gesundheit, Wellness, Medizin

Jetzt auch in Deutschland: Psychotherapie im Internet. Viele Menschen, die Hilfe brauchen, scheuen zunächst den direkten Kontakt mit einem Berater. Die anonyme Computerwelt bietet offenbar erfolgreich Ersatz.

Boris Funk (Name geändert) war 17 Jahre alt und litt an ersten Anzeichen von Schizophrenie. Doch zu einem Therapeuten wollte er nicht gehen. Er hatte Angst, seine Eltern könnten von seinen Problemen erfahren, wenn ihnen ein Brief der Krankenkasse in die Hände fiele. In der Anonymität des Internet fühlte er sich sicher. Er vertraute sich Frank van Well an. Der Diplompsychologe hat die Online-Beratung der Telefonseelsorge Köln gegründet und berät dort per Computer.

Regelmässig unterhielt van Well sich mit Boris Funk über dessen Probleme: Mal gingen elektronische Briefe hin und her. Mal schalteten beide ihre Computer zu einem sogenannten Chat zusammen, so dass van Well direkt auf die Sätze seines Schützlings eingehen konnte. Nach Monaten erst war Boris Funk bereit, einen nicht-virtuellen Fachmann zu konsultieren. Funk kam für ein halbes Jahr in die Psychiatrie, heute kann er wieder arbeiten. Gelegentlich meldet er sich bei van Well und berichtet, wie es ihm geht. Wahrscheinlich war es sein Glück, dass er beizeiten in Behandlung kam. „Irgendwann wäre die Schizophrenie offen ausgebrochen“, ist Psychologe van Well überzeugt.

Ausgerechnet die als altmodisch geltende Telefonseelsorge verkörpert damit hierzulande einen aus den USA kommenden Trend: psychologische Hilfe aus dem Netz. In den Staaten existieren über 150 einschlägige Angebote. „Hilfe online“ offerieren Psychiater und Psychologen, aber auch Krankenschwestern, Lehrer und selbsternannte Heiler.

In Deutschland formiert sich die Szene langsam. Bewährte Einrichtungen wie Pro Familia und Aidshilfe nehmen sich bereits per Internet der Probleme ihrer Klientel an. Therapeuten lassen sich dagegen erst vereinzelt im Netz blicken. Selbst in mehrstündiger Suche lässt sich im deutschen Web kein Dutzend finden. Einige haben gerade erst angefangen und noch kaum Zulauf. Andere gaben bereits wieder auf, weil die Nachfrage zu gering war. Selbst bei einem in Buch und Zeitungsartikeln propagierten Angebot eines Psychologenteams gingen in zwei Jahren keine 20 Anfragen ein.

Doch es gibt auch erfolgreiche Beispiele. So kümmerte sich der Klinik-Psychologe Friedhelm Grafweg um etwa 50 Hilfesuchende, stellte aber den Dienst ein, weil er die Gebühr von 1,30 Mark pro Minute nicht mehr über die Telekom abrechnen kann. Grafweg hütet sich ebenso wie seine wenigen deutschen Online-Kollegen, eine regelrechte Therapie für psychische Störungen anzubieten – er belässt es bewusst bei der Beratung.

Solche Vorsicht empfiehlt sich schon aus rechtlichen Gründen. Selbst in den USA spielen Online-Helfer „russisches Roulette mit ihrer Zulassung und ihrer Versicherung“, wie das Magazin Time vergangenes Jahr warnte. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen denkt über ein Gütesiegel für seriöse Angebote im Web nach. Einfach wird das nicht, denn noch fehlen verlässliche Erkenntnisse über Methoden und Nutzen von Online-Beratungen.

Manchmal hat die elektronische Hilfe allerdings offensichtliche Vorteile. So ist sie attraktiv für junge Männer, „die sich in normale Beratungen nicht verirren“, wie Frank van Well sagt. Bei der computerisierten Telefonseelsorge stellen Männer immerhin 55 Prozent der Anfragen, 70 Prozent der Klientel sind unter 30 Jahre alt – telefonisch meldet sich aus dieser Gruppe kaum jemand. Gerade junge Männer legen grossen Wert darauf, erst einmal möglichst keine schwachen Punkte zu zeigen: „Die Brüchigkeit der Stimme ist schon zuviel des Guten“, weiss van Well. Der auf elektronische Buchstaben reduzierte Kontakt kommt da gerade recht.

Könnte man einen Computer vielleicht sogar so programmieren, dass ihn niemand von einem menschlichen Therapeuten unterscheiden kann? Der Psychologe John Suler von der Rider University in New Jersey zerbricht sich den Kopf, über welche Fähigkeiten ein solches Maschinenwesen verfügen müsste. Es solle etwa stets seine Wertschätzung des Klienten zum Ausdruck bringen und bei psychologischen Reizwörtern wie „Vater“ aufmerken. Doch letztlich glaubt selbst Suler nicht, dass Computer eines Tages den Therapeuten völlig ersetzen werden. „Sie sind Menschen weit unterlegen, wenn es um Gefühle und um das Nachdenken über die Lage des Menschen geht. Und darum dreht sich Psychotherapie.“

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