Gesundheit, Wellness, Medizin

Eine interdisziplinäre Kooperationsstudie des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung in Heidelberg, der Fakultät für Musiktherapie der Fachhochschule Heidelberg und des SRH- Zentralklinikums Suhl belegt die Wirksamkeit einer musiktherapeutischen Stimulation bei Herzkatheteruntersuchungen. Die psychischen Belastungen der Patienten verringerten sich deutlich. Der Vergleich vor und nach der Herzkatheteruntersuchung zeigt, dass sich vor allem das subjektive Stresserleben der Patienten signifikant reduziert hat. Aufgrund dieser ersten Ergebnisse plant das Zentralklinikum Suhl ab August 2006 diese unterstützende Musiktherapie in den klinischen Alltag zu integrieren und bei Herzkatheteruntersuchungen anzubieten.

Ingesamt wurden 90 Personen mit Verdacht auf Erkrankung der Herzkranzgefässe in die Studie eingeschlossen. Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip zu je einem Drittel einer Musikexpositionsgruppe, einer Coachinggruppe oder einer Kontrollgruppe zugeteilt. Die erste Gruppe erhielt über Kopfhörer während der Herzkatheteruntersuchung standardisierte Entspannungsmusik. Ein zusätzlich zum medizinischen Personal anwesender Musiktherapeut regelte die Lautstärke der Musik. Die zweite Gruppe bekam zusätzlich zur musikalischen Intervention einen Tag vor der Untersuchung ein fünfzigminütiges musiktherapeutisches Coaching und direkt vor dem Eingriff noch einmal Anweisungen zur Entspannung. Das Coaching umfasste eine ausführliche Behandlungsinformation, ein musiktherapeutisches Entspannungstraining und Hinweise über den Umgang mit Stress. Die Kontrollgruppe erhielt lediglich die übliche medizinische Grundversorgung. Während der Herzkatheteruntersuchung war ausser dem medizinischen Fachpersonal keine weitere Person anwesend.

Alle Patienten wurden einen Tag vor der Herzkatheteruntersuchung stationär aufgenommen und entsprechend den medizinischen Standards betreut. Gegenstand der Untersuchung war die Frage, inwieweit eine musikalische Intervention während der Herzkatheteruntersuchung Einfluss hat auf das Angst- und Stresserleben der Patienten. Mit der Studie sollte auch geklärt werden, ob beruhigende Medikamente durch eine musiktherapeutische Behandlung reduziert werden können und ob das Coaching Vorteile gegenüber einer rein musikalischen Entspannung aufweist.

Die Studie ergab eine deutliche Abnahme des subjektiven Stresserlebens bei allen Patienten nach der Untersuchung. Am eindeutigsten war die Verbesserung in der Gruppe in der Musikexpositionsgruppe, noch vor der Coachinggruppe. Die Patienten, die während des Eingriffs standardisierte Musik hören konnten, äusserten, dass sich ihr persönliches Wohlbefinden verbessert hätte. Dieses Ergebnis ist dabei unabhängig von Faktoren wie Geschlecht, Alter, Einweisungsdiagnose bzw. Untersuchungsdiagnose, Anzahl der bisher erfolgten Herzkatheteruntersuchungen sowie vom behandelnden Arzt. Die Forscher fanden einen Einfluss bestimmter Persönlichkeitseigenschaften heraus. Die Patienten wurden anhand von Testergebnissen der Gruppe „wenig belastet“ oder „stark belastet/ängstlich“ zugeordnet. Bei Patienten mit einer zuvor diagnostizierten starken Angst- und Stressbelastung war insbesondere die Entspannungsmusik während der Untersuchung eine effektive Methode zur klinisch bedeutsamen Verringerung der psychischen Belastung. Bei Patienten mit einer niedrigen Belastung verbesserten sich Kontroll-, Musikexpositions- sowie Coachinggruppe annähernd gleich. Auf die Physiologie hatte die Musikintervention nur geringe Auswirkungen Der Verlauf der physiologischen Parameter war in allen Untersuchungsgruppen ähnlich, wobei hier die grössten Veränderungen in der Coachinggruppe zu beobachten waren, allerdings ohne statistische oder klinische Signifikanz zu erreichen. Durch die musiktherapeutische Intervention konnte keine Verringerung der Medikamentendosis erreicht werden.

Da sich das persönliche Wohlbefinden der Patienten, die während der Herzkatheteruntersuchung entspannende Musik hören konnten, signifikant verbesserte, wird das Zentralklinikum Suhl diese standardisierte rezeptive Musiktherapie ab August 2006 in den klinischen Alltag übernehmen.

Bei einer Herzkatheteruntersuchung wird ein dünner biegsamer Kunststoffschlauch, üblicherweise über die Oberschenkelarterie oder die Armschlagader unter Röntgenkontrolle, in das Herz bzw. die Herzkammer geschoben. Diese Methode wird als Linksherzkatheter oder auch arterieller Katheter bezeichnet. Mit dieser lassen sich die linke Herzkammer und die Herzkranzgefässe darstellen. Als Rechtsherzkatheter oder auch venöser Katheter wird ein Zugang zur rechten Herzkammer bzw. die Lungengefässe über eine Vene bezeichnet. Durch Einspritzen von Röntgen-Kontrastmittel über den Katheter werden Herz- bzw. Gefässstrukturen und -funktionen auf dem Röntgenbildschirm sichtbar. So lassen sich krankhafte Veränderungen, wie beispielsweise verengte Herzkranzgefässe, Gefässverschlüsse oder Tumoren ebenso diagnostizieren wie angeborene Fehlbildungen des Herzens. Eine Herzkatheteruntersuchung kann auch therapeutisch eingesetzt werden, so beispielsweise zur Erweiterung verengter Herzkranzgefässe, so genannter Koronarstenosen. Auch Stents, d. h. medizinische Implantate, können so gesetzt werden, um nach einer Aufdehnung von Herzkranzgefässen deren erneuten Verschluss zu verhindern. Die Patienten erhalten bei einer Herzkatheteruntersuchung lediglich eine örtliche Betäubung und sind während der gesamten Untersuchung bei vollem Bewusstsein. Die Betroffenen erleben diese Untersuchung als sehr belastend. Diese psychischen Begleiterscheinungen können den Untersuchungsablauf und die Erholungsphase nach der Herzkatheteruntersuchung beeinflussen.

Das Deutsche Zentrum für Musiktherapieforschung (Viktor Dulger Institut) DZM e. V. wurde 1995 in Heidelberg gegründet. Heute ist das DZM das grösste musiktherapeutische Forschungsinstitut in Europa und vereint Forschung, Praxis und Lehre unter einem Dach. Das DZM ist ein AN-Institut der Fachhochschule Heidelberg, d. h. das Forschungsinstitut ist wissenschaftlich eng mit der Fachhochschule verbunden, aber privatwirtschaftlich organisiert und damit finanziell unabhängig. Das DZM ist als gemeinnützig anerkannt und finanziert sich zum überwiegenden Teil aus Spenden. Am DZM entwickeln und erforschen Musiktherapeuten, Mediziner, Musikwissenschaftler und Psychologen in interdisziplinären Projekten musiktherapeutische und musikmedizinische Konzepte zur Verbesserung der Lebenssituation erkrankter Menschen.

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