Stalking

Ergebnisse der ersten epidemiologischen Studie zu Stalking in Deutschland

Erste Ergebnisse einer aktuellen Studie des Zentralinstituts fuer Seelische Gesundheit Mannheim zeigen, dass Stalking auch in Deutschland ein erhebliches und ernstzunehmendes Problem darstellt. In der ersten auf einer Bevoelkerungsstichprobe basierenden Untersuchung zum Thema Stalking in Deutschland von Harald Dressing, Christine Kuehner und Peter Gass wurden 2000 Maenner und Frauen zur Haeufigkeit und Auspraegung von Stalking befragt. 78 Personen (12 %) der Mannheimer Stichprobe waren mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Stalking, zum Untersuchungszeitpunkt waren 1,6% aktuell von Stalking betroffen. Bei 68% der Stalkingopfer dauerte die Verfolgung und Belaestigung laenger als einen Monat, bei 24,4 % sogar laenger als ein Jahr. Im Durchschnitt waren die Opfer etwa fuenf verschiedenen Methoden der Verfolgung, Beeintraechtigung und Belaestigung ausgesetzt. In 34,6 % der Faelle wurden Drohungen ausgesprochen, denen in 30,4% auch tatsaechliche Gewalthandlungen seitens des Stalkers folgten. In 75,6 % der Faelle kannte das Opfer seinen Verfolger. Die Stalkingopfer zeigen im Vergleich zur Allgemeinbevoelkerung eine signifikant schlechtere psychische Befindlichkeit.

Was ist Stalking? Der Begriff Stalking wurde in den 1990er Jahren in den USA fuer ein komplexes menschliches Verhaltensmuster gepraegt. Woertlich uebersetzt bedeutet Stalking „auf die Pirsch gehen“, in der psychiatrischen Terminologie charakterisiert man damit ein Verhaltensmuster, bei dem ein Taeter einen anderen Menschen ausspioniert, verfolgt, belaestigt, bedroht, unter Umstaenden auch koerperlich attackiert und in seltenen Faellen sogar toetet. Durch diese Verhaltensweisen fuehlt sich das Opfer des Stalkers, das als Stalkee bezeichnet wird, in Angst versetzt. In den meisten angelsaechsischen Laendern wurden mittlerweile auch Gesetze verabschiedet, die Stalking als einen eigenstaendigen Straftatbestand bezeichnen.

Wie haeufig ist Stalking? Die klinische und forensische Relevanz des Stalkingkonzeptes wird in Deutschland derzeit noch kontrovers diskutiert, wobei zunehmend vorgebracht wird, dass das erst kuerzlich verabschiedete Gewaltschutzgesetz keinen hinreichenden Schutz fuer die Stalkingopfer bietet und nach dem Vorbild angelsaechsischer Gesetze ein eigenstaendiger Straftatbestand fuer Stalking eingefuehrt werden sollte. Befuerworter einer eigenstaendigen Antistalkinggesetzgebung gehen von der Annahme aus, dass Stalking in Deutschland ein aehnlich weitverbreitetes Problem darstellt, wie es sich in den wenigen auf repraesentativen Bevoelkerungsstichproben basierenden Studien in England, Australien und den USA gezeigt hat. Diese Studien zeigten, dass 12% bis 32% der Frauen und 4% bis 17% der Maennern im Laufe ihres Lebens Opfer von Stalking wurden. Dies deutet darauf hin, dass Stalking ein weit verbreite-tes Problem darstellt. Untersuchungen von Stalkingopfern zeigten darueber hinaus, dass diese haeufig unter erheblichen medizinischen und psychischen Folgewirkungen des Stalking litten. Ein besonderes Problem stellen auch gewalttaetige Verhaltensweisen im Kontext von Stalking dar, die mit einer Haeufigkeit von 2,7 % bis 55 % berichtet werden.

Fuer Deutschland und auch die anderen europaeischen Laender ausserhalb des angelsaechsischen Sprachraums gibt es bisher keine auf Bevoelkerungsstichproben beruhenden epidemiologischen Studien zur Haeufigkeit und Auswirkung von Stalking. Die vorliegende Studie von Harald Dressing, Peter Gass und Christine Kuehner vom Zentralinstitut fuer Seelische Gesundheit Mannheim ist die erste auf einer Bevoelkerungsstichprobe basierende Untersuchung zum Thema Stalking in Deutschland. Um einen verwertbaren Eindruck von der Haeufigkeit von Stalking zu erhalten und die Thematik nicht unkritisch auszuweiten, wurde Stalking in der vorliegenden Studie nur dann angenommen, wenn es zu mindestens zwei unerwuenschten Kontaktaufnahmen auf unterschiedliche Weise (also z.B. unerwuenschter Telefonanruf und unerwuenschtes Herumlungern vor der Wohnung) gekommen war, diese Verhaltensweisen mindestens ueber zwei Wochen anhielten und bei dem Betroffenen Angst ausloesten.

Die Mannheimer Studie Aus der Einwohnermeldekartei der Stadt Mannheim wurden 1000 Frauen und 1000 Maenner im Alter von 18 bis 65 Jahren zufaellig ausgewaehlt. Diesen Personen wurde zusammen mit einem Begleitbrief, in dem das Ziel der Studie erklaert wurde, ein umfangreicher Fragebogen zum Thema Stalking zugeschickt. Der Fragebogen enthaelt soziodemographische Daten sowie 51 Fragen zu Erlebnissen von Bedrohung, Verfolgung und Belaestigung. Befragte, die zumindest Betroffene von einer Form der Bedrohung, Verfolgung oder Belaestigung sind oder waren, wurden gebeten, zusaetzliche Fragen zur Dauer, Art, und Haeufigkeit dieser Erlebnisse, zur persoenlichen Beziehung zu dem Verfolger, dessen vermutliche Motive sowie eigene Reaktionen auf diese Verhaltensweisen und moegliche medizinische oder psychologische Folgen daraus zu beantworten. Darueber hinaus fuellten alle Befragten einen Fragebogen der WHO zur Einschaetzung der psychischen Befindlichkeit aus.

Ergebnisse Insgesamt antworteten 679 Personen, was einer Ruecklaufquote von 34,2 % entspricht. Die Ergebnisse dieser Studie stuetzen die Annahme, dass Stalking auch in Deutschland ein relevantes Problem darstellt. 78 Personen (12 %) erfuellten die in der Studie zu Grunde gelegten Stalkingkriterien, d.h. sind einmal in ihrem Leben ueber eine Zeitspanne von mindestens zwei Wochen mit mindestens zwei unterschiedlichen Methoden verfolgt, belaestigt oder bedroht worden und wurden dadurch in Angst versetzt. Zum Untersuchungszeitpunkt waren 1,6 % aktuell von Stalking betroffen. Aehnliche Haeufigkeiten fanden sich auch in Studien, die in England und den USA durchgefuehrt wurden.

Wer wird wie gestalkt? Unter den Stalkingopfern fand sich ein signifikantes Ueberwiegen von Frauen (87,2 %), wohingegen 85,5 % der Stalker Maenner waren (p< 0,001). Bei 68 % der Stalkingopfer dauerte die Verfolgung und Belaestigung laenger als einen Monat, bei 24,4 % sogar laenger als ein Jahr. Die Stalkingopfer gaben auch eine hohe Intensitaet der Verfolgung und Beeintraechtigung an. 35,1 % berichteten ueber mehrmalige woechentliche Kontakte, 9,1 % ueber taegliche unerwuenschte Kontaktaufnahmen und bei 15,6% war es sogar zu mehrmaligen taeglichen unerwuenschten Kontaktaufnahmen gekommen. Von den Opfern wurden auch vielfaeltige Methoden der Verfolgung und Belaestigung angegeben. Im Durchschnitt waren die Opfer etwa fuenf verschiedenen Methoden der Verfolgung, Beeintraechtigung und Belaestigung ausgesetzt. Am haeufigsten waren unerwuenschte Telefonanrufe (78,2 %), Herumtreiben in der Naehe (62,6%), unerwuenschte Briefe, E-Mails, SMS, Faxe (50%), Verfolgen (38,5 %), Kontaktaufnahme ueber Dritte (35,9 %), vor der Haustuer stehen (33,3%), Auflauern (24,4 %) und Beschimpfungen/Verleumdungen (47,4 %). Die Relevanz der hier erfassten Stalkingverhaltensweisen wird durch den Befund verdeutlicht, dass in 34,6% der Faelle explizite Drohungen ausgesprochen wurden, denen in 30,4 % auch tatsaechliche Gewalthandlungen seitens des Stalkers folgten. 24,4 % der Betroffenen berichteten, dass sie von ihrem Stalker gegen ihren Willen mit koerperlicher Gewalt festgehalten wurden, 11,5 % wurden geschlagen, 9 % mit Gegenstaenden attackiert, 42,3 % sexuell belaestigt und 19,2 % sexuell genoetigt. In 75,6 % der Faelle kannte das Opfer seinen Verfolger. Die groesste Gruppe der Verfolger rekrutierte sich aus ehemaligen Intimpartnern. Frauen wurden in der ueberwiegenden Zahl der Faelle von Maennern verfolgt, wohingegen Maenner - die zwar viel seltener von Stalking betroffen sind - etwa gleich haeufig von Frauen oder Maennern verfolgt werden. Die Folgen des Stalking sind weitreichend Bei direkter Befragung nach psychosozialen und medizinischen Folgen berichtete die Mehrzahl der Betroffenen ueber psychische und koerperliche Symptome als Folge des Stalking. 56,8 % gaben verstaerkte Unruhe an, 43,6% Angstsymptome, 41 % Schlafstoerungen, 34,6 % Magenbeschwerden und 28,2 % Depression an. 17,9 % wurden als Folge des Stalking sogar krankgeschrieben. Die Bedeutung von Stalking wird durch den Befund unterstrichen, dass 73,1 % der Befragten ihr alltaegliches Verhalten als Reaktion auf das Stalking veraenderten, 16.7 % wechselten gar die Wohnung, 5,1 % den Arbeitsplatz. Wo wird Hilfe gesucht? Bemerkenswert ist, dass nur 20,5 % der Betroffenen eine Anzeige bei der Polizei erstatteten und nur 11,5 % einen Rechtsanwalt aufsuchten, obwohl seitens des Stalkers Verhaltensweisen zum Einsatz kamen, die eindeutig Straftatbestaende darstellten. Dies bedeutet, dass das Vertrauen in Behoerden und Justiz bei Stalkingopfern offensichtlich eher gering ist und von der Justiz auch wenig Unterstuetzung erwartet wird. Dagegen suchten immerhin 24,4 % der Betroffenen einen Arzt oder Therapeuten wegen gesundheitlicher Probleme auf, die auf das Stalking zurueckgefuehrt wurden. Dies kann einerseits als eine Tendenz der Betroffenen interpretiert werden, sich als hilfloses Opfer zu sehen, das bereit ist, sich mit therapeutischer Hilfe irgendwie mit der Situation zu arrangieren, und aktive Moeglichkeiten der Einflussnahme auf den Stalker weniger in Betracht zieht. Gleichzeitig verdeutlicht die doch relativ haeufige Inanspruchnahme therapeutischer Hilfe den ausgepraegt negativen Einfluss von Stalking auf die Gesundheit der Betroffenen. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass Stalking auch in Deutschland ein erhebliches und ernstzunehmendes Problem darstellt. Die Stalkingopfer zeigen im Vergleich zur Allgemeinbevoelkerung eine signifikant schlechtere psychische Befindlichkeit und suchen auch haeufig Aerzte und Therapeuten auf, wohingegen juristische Schritte trotz eindeutig vorliegender Straftatbestaende eher selten ergriffen werden. Da Aerzte und Therapeuten offensichtlich haeufiger Ansprechpartner von Stalkingopfern sind, sind profunde Kenntnisse ueber die Stalkingproblematik zwingend notwendig. Interventionstechniken sollten immer aus einem umfassenden Ansatz bestehen, der kompetente Beratung und Information ueber den Umgang mit dem Stalker, Risikoeinschaetzung bezueglich gewalttaetigen Verhaltens, juristische Schritte und therapeutische Massnahmen umfasst. Ein koordiniertes Vorgehen, das Polizei, Rechtsanwaelte und Gerichte vor Ort mit einbezieht, ist fuer ein erfolgreiches Management Voraussetzung. Weitere Infos finden Sie hier …

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