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Der Thalamus, ein Teil des Zwischenhirns, wird oft als „Tor zum Bewusstsein“ bezeichnet, da er von der Aussenwelt kommende Sinnesreize filtert und zum Grosshirn weiterleitet. Ein Computermodell, das die Auswirkungen von Schwingungen der Grosshirnrinde während des Schlafes auf den Thalamus simuliert, haben jetzt die Kieler Physiker Jörg Mayer, Professor Heinz Georg Schuster und Dr. Jens Christian Claussen und der Lübecker Neurowissenschaftler Matthias Mölle zusammen entwickelt. Klinische Messungen in Lübeck bestätigen, dass die Grosshirnrinde im Schlaf als Taktgeber für den Thalamus arbeitet. Der Arbeitsgruppe gelang es, den Mechanismus zu identifizieren, der die thalamischen Schwingungen steuert. „Dies könnte in Zukunft ermöglichen, Schlaf durch äussere Signale besser zu beeinflussen“, meint Professor Heinz Georg Schuster. Die Studie erscheint morgen
(10.08.07) in der Fachzeitschrift Physical Review Letters.

Das typische Muster thalamischer Aktivität während der Anfangsphasen des Schlafes sind sogenannte Schlafspindeln, eine Folge von Wellen mit einer Frequenz von zirka 13 Hertz, die rund 1 Sekunde anhalten, die durch ruhige Perioden von etwa 4 Sekunden getrennt sind. Diese Schwingung bewirkt, dass die eingehende Information gefiltert wird.
Schlafspindeln werden beim Menschen mit der EEG (Elektroenzephalografie) gemessen. Wie vorangegangene Messungen an Tieren und EEG-Analysen zeigen, werden diese Schlafspindeln nicht selbstständig vom Thalamus generiert. Sie entstehen vielmehr im Wechselspiel von Grosshirnrinde und Thalamus, dem thalamokortischen System.

„In unserer Arbeit zeigen wir an einem Computermodell des thalamokortischen Systems, dass sich viele experimentelle Beobachtungen reproduzieren lassen, wenn man annimmt, dass die Grosshirnrinde im Schlaf der Taktgeber thalamischer Schwingungen ist“, erklärt der Hauptautor Jörg Mayer vom Institut für Theoretische Physik und Astrophysik an der Uni Kiel. Das experimentell beobachtete gleichzeitige Auftreten der Schlafspindeln in weiten Teilen des Thalamus wird durch die Kopplung der Grosshirnrinde an den Thalamus getaktet. Dies unterscheidet sich fundamental vom Wachsein: Da nämlich leitet der Thalamus die eingehende Information an die Grosshirnrinde weiter. Im Schlaf ist nun die Grosshirnrinde dominierend und schaltet weite Teile des Thalamus gleich, was zu einer starken Verminderung des Informationsflusses durch den Thalamus führt.

In dem Kieler Modell wurden reale EEG-Daten der Grosshirnrinde an ein Computermodell des Thalamus gekoppelt, und somit konnte die Reaktion des künstlichen Thalamus mit gemessenen thalamischen EEG-Daten verglichen werden. Die Reaktion ist dieselbe.

Die Arbeit ist ein Ergebnis des fachübergreifenden Sonderforschungsbereiches (SFB) 654 „Plastizität und Schlaf“ der Universitäten Kiel und Lübeck. Darin werden die Mechanismen untersucht, durch die Schlaf die Gedächtnisbildung verstärkt. Darauf aufbauend sollen schlafmedizinische Strategien entwickelt werden, um Erkrankungen besser behandeln zu können, bei denen Störungen der Gedächtnisbildung vorliegen, zum Beispiel bei schizophrenen oder Epilepsie-Patienten. Sprecher des SFB ist Professor Jan Born, Direktor des Instituts für Neuroendokrinologie der Universität zu Lübeck.

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