Die Zeitbombe im Kopf entschärfen

Veränderte oder missgebildete Blutgefässe im Gehirn bergen das Risiko lebensbedrohlicher Blutungen. Mit minimal-invasiven Strategien können Radiologen solche Hirnblutungen verhindern. Grosse Operationen am offenen Schädel sind somit nur noch in Ausnahmefällen nötig. Die schonenden Verfahren ersparen den Patienten ausserdem einen längeren Klinikaufenthalt, berichten Experten auf dem Deutschen Röntgenkongress in Berlin.

Plötzlich einsetzende stärkste Kopfschmerzen, Lähmungen, Sprach- und Sehstörungen oder kurzzeitige Ohnmachtsanfälle – diese Symptome können darauf hindeuten, dass im Gehirn ein Blutgefäss gerissen ist. Besonders gefährdet sind jene rund acht Prozent der Bevölkerung, meistens Menschen zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr, bei denen die Wand eines Blutgefässes ausgesackt ist. Diese Aussackung wird Aneurysma genannt.

Deutlich seltener sind Gefässmissbildungen, so genannte arteriovenöse Malformationen. Durch einen „Kurzschluss“ zwischen der Arterie und den Venen, wird aus einem geordneten Gefässgeflecht ein unordentliches „Gefässknäuel“. Die beteiligten Gefässe tragen nicht (mehr) zur Versorgung des Gehirngewebes bei. Allerdings ist in ihnen der Blutfluss deutlich erhöht, da sie aufgrund der Direktverbindung zwischen Arterien und Venen nicht in allerfeinste Blutgefässe so genannte Kapillare, münden. Damit steigt die Gefahr für eine Hirnblutung. Solch eine Fehlbildung im Gefässgeflecht tritt zwar nur bei einem von 10.000 Menschen auf. Doch es sind vor allem junge Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren betroffen.

Am Universitätsklinikum Charité, Campus Benjamin Franklin haben die Neuroradiologen grosse Erfahrung in der Behandlung dieser Gefässerkrankungen. Wie Dr. Andreas Schilling, Oberarzt der Neuroradiologie, erläutert, gehört es dort mittlerweile zur Routine, Aneurysmen mit der so genannten „Coiling“-Technik zu verschliessen. Dabei wird ein Mikro-Katheter durch die Leiste über die Bauchschlagader bis ins Hirngefäss und dann in die Aussackung vorgeschoben und diese mit winzigen Platinspiralen („Coils“) ausgefüllt und abgedichtet. „Wie behandeln mit diesem Verfahren etwa 100 Patienten im Jahr, operiert wird nur noch in Ausnahmefällen“, sagt Schilling.

Für die Patienten hat diese minimal-invasive Methode den grossen Vorteil, dass sie schon nach drei Tagen die Klinik verlassen können. Nach einer herkömmlichen Operation ist stattdessen ein zweiwöchiger stationärer Aufenthalt nötig. Ausserdem, so Schilling „sind thrombembolische Komplikationen sehr selten und liegen bei uns unter zwei Prozent.“ Die beschichteten bioaktiven Coils, welche die Berliner Radiologen zum Teil einsetzen, bewirken ein schnelleres Wachstum des umliegenden Bindegewebes und somit ein schnelleres Abheilen der entstandenen Narben. „Die ersten Daten einer weltweiten Multicenter- Studie liefern Hinweise, dass die Narben sogar dann zuwachsen, wenn das Aneurysma zu weniger als 25 Prozent verschlossen ist.“

Dass die Strategie der Radiologen der konventionellen Strategie der Neurochirurgen überlegen ist, belegen die Ergebnisse einer internationalen Studie mit über 2000 Patienten, deren Ergebnisse im britischen Fachblatt Lancet im Jahr 2002 veröffentlicht wurde. Bei dieser Untersuchung wurden Patienten mit geplatzem Aneurysma, das eine Hirnblutung verursacht hatte, entweder operiert oder wurden von Radiologen minimal-invasiv mit Coils behandelt. (Es wurden nur Patienten in die Studie aufgenommen, bei denen grundsätzlich beide Behandlungsmethoden möglich waren.) Das Ethikkommitee brach die Studie vorzeitig ab, nachdem sich abzeichnete, dass in der minimal-invasiv mit Coils behandelten Gruppe signifikant mehr Patienten überlebten und auch bleibende Schäden seltener waren.

„Gefässknäuel“ mit Kleber verschliessen. Bei missgebildeten Blutgefässen injizieren die Radiologen durch einen Mikrokatheter (Durchmesser: 1/3 Millimeter) einen flüssigen Acrylkleber. Schilling: „Mit dieser Flü ssig-Embolisation wird das komplette Gefässgeflecht im Gehirn wie durch den Einsatz eines Sekundenklebers verschlossen.“ Je nach Grösse der Fehlbildung reicht pro Injektion weniger als ein Milliliter Kleber aus. Nach durchschnittlich drei bis fünf Injektionen ist das Gefässknäuel abgedichtet. „Wenn jedoch eine komplette Gehirnhälfte betroffen ist, sind in mehreren Eingriffen bis zu 20 Injektionen in die Gefässe notwendig“, erläutert der Neuroradiologe. Mitunter ist im Anschluss an die Verklebung eine einmalige Strahlen-Behandlung stereotaktisch mit Gamma-Strahlen oder einem Linearbeschleuniger erforderlich. Durch diese wird ein Entzündungsreiz gesetzt, der dazu führt, dass im Verlauf von zwei bis drei Jahren das Gefässknäuel komplett abgebaut wird. In seltenen Fällen muss der verbliebenen Rest dieser Gefässfehlbildung auch operativ entfernt werden. Pro Jahr wird in Berlin bei etwa 100 Patienten mit diesem Verfahren ein gefährliches „Gefässknäuel“ entschärft.

Strahlenbelastung um 50 Prozent geringer. Schilling verweist bei beiden Therapie-Verfahren ausserdem auf die Vorteile einer verbesserten Gerätetechnik, welche die Strahlenbelastung um 50 Prozent reduziert. Die neue Angiografie-Anlage, mit der die Blutgefässe bildhaft dargestellt werden, arbeitet mit einem Flächen-Detektor und nicht mit den üblichen Bildverstärkern. Die Bilder zeigen so mehr Kontrast und eine bessere Auflösung. Da beide Veränderungen an den Hirngefässen sich über Jahre hinweg meist unbemerkt ausbilden, hält es der Experte für sinnvoll „bei einem familiär gehäuftem Auftreten ab dem 20. Lebensjahr regelmässig eine Untersuchung der Hirngefässe durchführen zu lassen. An vielen Zentren stehen die modernen Methoden zur Verfügung: in Berlin (Charité, Benjamin Franklin und Rudolf Virchow), Würzburg, Marburg, Essen, u.a.

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