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Ein spezielles zahnärztliches Schulungsprogramm für Geriater kann die Versorgungssituation von alten Menschen wesentlich verbessern: Altersmediziner können Zahnerkrankungen bei ihren Patienten wesentlich besser beurteilen, wenn sie ein derartiges Programm absolviert haben.
Das ist das Ergebnis einer Pilotstudie, die von einer Arbeitsgruppe um Dr. Alexander Hassel, Oberarzt an der Klinik für Zahnärztliche Prothetik des Universitätsklinikums Heidelberg, in Kooperation mit dem Krankenhaus St. Vincentius, Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg, durchgeführt wurde.

Pflegebedürftige ältere Menschen haben häufig Probleme mit ihrer Mundgesundheit; oft werden sie nur unzureichend erkannt und behandelt.
Wie die Heidelberger Wissenschaftler zeigten, liesse sich die Situation deutlich verbessern, wenn der Geriater in einer praktischen Übungseinheit gemeinsam mit dem Zahnarzt den Patienten untersucht und dabei zusätzliche Kenntnisse erwirbt, um das Übersehen von Befunden zu vermeiden. Die Studie, die in Kürze in der „Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie“ veröffentlicht wird, wurde mit dem Förderpreis des insgesamt mit 5.000 Euro dotierten Gerontologiepreis der Stiftung Parkwohnstift Bad Kissingen ausgezeichnet.

Schlechte Mundgesundheit gefährdet den Allgemeinzustand

Ältere Menschen gehen nur noch selten zum Zahnarzt, vor allem, wenn sie ihre natürlichen Zähne verloren haben und ein künstliches Gebiss tragen. „Wir kennen Vollprothesenträger, die 20 Jahre und länger nicht mehr beim Zahnarzt waren“, berichtet Dr. Alexander Hassel. Doch eine schlechte Mundgesundheit kann sich auch negativ auf die Allgemeingesundheit auswirken: Sie begünstigt die Entwicklung von bakteriellen Pneumonien (Lungenentzündungen), Herz- Kreislauferkrankungen wie Schlaganfall und geht sogar mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. Vermutlich gelangen bestimmte Keime von der Mundhöhle in den Organismus und lösen dort Erkrankungen aus.

Ein künstliches Gebiss kann zudem Probleme in der Mundhöhle selbst bereiten: „Die Prothesen können so weit verschleissen, dass sie ihre Funktionstüchtigkeit völlig einbüssen“, erläutert Dr. Hassel, Experte auf dem Gebiet der so genannten Gerostomatologie (Alterszahnmedizin).
Schleimhauterkrankungen bis hin zu Tumorbildung sind mögliche Folgen.
Nicht funktionierende Prothesen wirken sich darüber hinaus auch auf das Ernährungsverhalten aus “ gesunde Nahrung, die gut gekaut werden muss, wie Vollkornbrot, Obst und Gemüse, wird dann eher gemieden.

Häufiger Kontakt mit dem Geriater als mit dem Zahnarzt

Ältere Menschen gehen selten zum Zahnarzt, suchen aber häufiger einen geriatrisch tätigen Arzt auf oder werden von ihm im Heim behandelt.
Allerdings, so stellte die Heidelberger Pilotstudie fest, können Geriater die Mundgesundheit ihrer Patienten oft nur unzureichend einschätzen. „In der geriatrischen Rehabilitation oder auch bei Krankenhausaufenthalten verschlechtert sich der Mundgesundheitszustand der Patienten sogar noch, anstatt sich zu verbessern“, erläutert Dr.
Hassel. Mit seiner Arbeitsgruppe verglich er die
Untersuchungsergebnisse eines Arztes, der als Internist hauptsächlich geriatrische Patienten betreut, mit den Befunden eines Zahnarztes, der sich auf die Alterszahnmedizin spezialisiert hat.

Dabei wurden mit Hilfe eines besonderen Testverfahrens zur systematischen Untersuchung der Mundhöhle z.B. Die Zunge, das Zahnfleisch und die Sauberkeit der Zähne bzw. Des Zahnersatzes bei 50 Patienten im Alter zwischen 60 und 94 Jahren beurteilt. Bei den meisten Befunden stimmten Arzt und Zahnarzt nur unzureichend überein.
Dieses Ergebnis konnte aber deutlich verbessert werden, nachdem beide Mediziner 25 Patienten jeweils etwa 15 Minuten gemeinsam untersucht hatten: In einer praktischen Übungseinheit kommentierte und erklärte der Zahnarzt die einzelnen Befunde. Darüber hinaus erläuterte er grundlegende zahnärztliche Begriffe wie z.B. Verschiedene Arten der Verankerung von Teilprothesen. Bei der anschliessenden erneuten Untersuchung von 50 Patienten stimmten Arzt und Zahnarzt in ihren jeweiligen Ergebnissen schon wesentlich besser überein.

„Mit Hilfe dieses überschaubaren zahnärztlichen Schulungsprogramms kann die Beurteilung der Mundgesundheit älterer Menschen durch Ärzte massgeblich verbessert werden“, resümiert Dr. Hassel. Eine engere Kooperation zwischen Zahnarzt und Geriater hat Modellcharakter und ist für die Versorgung von älteren Patienten von entscheidender Bedeutung.
Die Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik des Heidelberger Universitätsklinikums gehört zu den wenigen zahnmedizinischen Zentren in Deutschland, die intensiv klinische und epidemiologische Forschung auf dem Gebiet der Alterszahnheilkunde und der Vorbeugung in höheren Altersgruppen betreiben.

Ansprechpartner:
Dr. med. Dent. Alexander J. Hassel
Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik
Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 360 35, – 397 77
Fax: 06221 / 56 53 71
E-Mail: alexander.hassel@med.uni-heidelberg.de



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