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Bestimmte Gehirnverletzungen in früher Kindheit können zur Folge haben, dass das davon betroffene Individuum in Kindheit und Jugend keine sozialen und moralischen Regeln lernt. Dies ist das Ergebnis einer Studie von Antonio Damasio und seinen Kollegen vom University of Iowa College of Medicine in Iowa City, die in der November-Ausgabe von „Nature Neuroscience“ erscheint.
Untersucht wurden zwei Fälle: eine junge Frau und ein junger Mann, beide Anfang Zwanzig. Die Frau war von einem Auto überfahren worden, als sie 15 Monate alt war. Sie erholte sich relativ schnell von dem Unfall, doch ab ihrem dritten Lebensjahr hörte sie in keiner Weise mehr auf ihre Eltern und reagierte auf keinerlei Strafen. Sie log und stahl, hatte keine Freunde, plante keine Zukunft, und als sie aus der Schule war, konnte sie keinen Job lange halten. Mit 18 wurde sie schwanger, trug das Kind aus, erwies sich ihm gegenüber jedoch als gefährlich unsensibel.
Dem Mann wurde im Alter von drei Monaten ein Gehirntumor aus dem rechten Frontal-Lobus entfernt. Auch er erholte sich relativ schnell wieder und schien sich sogar normal zu entwickeln, bis er ab dem 9. Lebensjahr einen generellen Mangel an Motivation zeigte. Er neigte zu Zornausbrüchen, log, zeigte wenig Mitgefühl gegenüber anderen und plante keine Zukunft. Auch er konnte im Erwachsenenalter keinen Arbeitsplatz lange halten.
Beiden, dem Mann und der Frau, fehlt jedwedes Schuldgefühl. Sie kennen weder Gewissensbisse noch Reue.
Die Verletzung, die für diese Verhaltensweisen verantwortlich ist, befand sich in der Region des präfrontalen Cortex, der sich hinter den Augenhöhlen befindet. Der präfrontale Cortex steht in Verbindung zum limbischen System. Wenn es darum geht, eine Handlung auszuführen, ruft ein Teil des präfrontalen Cortex Wissen ab, das einen Bezug zu Gefühlen hat, die von ähnlichen Situationen in der Vergangenheit gespeichert sind. Diese unbewussten emotionalen Signale werden gebraucht, um die beste Handlungsweise auszuwählen. Bei einer Verletzung des präfrontalen Cortex durch irgendein Trauma ist gewissermassen der Entscheidungsfindungskreislauf durchbrochen.
Diese Fälle werfen neues Licht auf die Reparaturleistungen des Gehirns. Man wusste bisher, dass wenn etwa bei Kindern in einer Operation Gehirnregionen entfernt wurden, die mit Sprache zu tun hatten, andere Regionen diese Aufgaben mit übernahmen. Der Entscheidungsfindungskreislauf um den präfrontalen Cortex scheint hingegen unersetzbar zu sein.

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