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Der Schock der Diagnose ist überwunden, die anstrengende Therapie vorbei, und die Prognose gut. Trotzdem ist für viele Krebspatienten alles anders als vorher, weil sie ihre geistigen Fähigkeiten als deutlich eingeschränkt empfinden. Als wichtigsten Auslöser vermuten die meisten Betroffenen und auch viele Fachleute die extrem belastende Chemotherapie.

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Mehrere Studien scheinen den Eindruck der Patienten zu bestätigen, denn darin schnitt ein Teil der Patienten nach einer Chemotherapie in kognitiven Tests auffällig schlecht ab. Eine der weltweit größten Untersuchungen, die jetzt unter der Leitung von LMU-Forschern durchgeführt wurde, zeigte aber, dass die Chemotherapie höchstens einer von mehreren Auslösern sein kann. Denn bei einem Drittel der Teilnehmer waren die geistigen Fähigkeiten schon vor der Behandlung deutlich beeinträchtigt. Während der Chemotherapie verschlechterten sich die Ergebnisse in manchen Fällen, in anderen wurden sie sogar besser. Auch (Anti-) Hormontherapien, die ebenfalls als mögliche Auslöser gesehen werden, hatten vereinzelt sogar einen positiven Effekt. Die beteiligten Forscher vermuten nun, dass der Faktor Stress eine außerordentlich wichtige Rolle spielt. Schließlich kann die Diagnose Krebs für die Betroffenen wie ein Trauma wirken – mit allen negativen Folgen für das Gedächtnis, die Konzentration und das Denken.
(Cancer, 1. November 2008)

Die mühsame Suche nach Worten ebenso wie nach verlegten Schlüsseln oder Brillen und die Unfähigkeit sich zu konzentrieren: Viele Krebspatienten berichten noch Jahre nach der Behandlung über diese für sie sehr belastenden kognitiven Probleme und halten meist die Chemotherapie für den Auslöser. Auch die Forschung der letzten zehn Jahre schien diese Vermutung zu bestätigen. Immerhin wiesen mehrere Studien bei bis zu 75 Prozent der getesteten Patienten nach einer Chemotherapie eine Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten nach.
Diese Störungen waren eher mild, erreichten auch bei weitem nicht das Ausmaß einer Demenz und erstreckten sich über ein breites Spektrum kognitiver Funktionen.

„Allerdings war die Aussagekraft dieser Studien deutlich begrenzt“, sagt Dr. Kerstin Hermelink von der Frauenklinik der Ludwig- Maximilians-Universität (LMU) München. „Denn die kognitiven Fähigkeiten der Patienten wurden nur nach Abschluss der Chemotherapie getestet. Erst 2004 erschienen die ersten Längsschnittstudien, die mit wiederholten Untersuchungen den Verlauf der kognitiven Störungen erfassten. Die größeren dieser methodisch weit besseren und aussagekräftigeren Studien fanden dann aber wenige oder gar keine Unterschiede zwischen Krebskranken mit und ohne Chemotherapie.“

Hermelink und Kolleginnen an der LMU leiteten nun mit der Studie COGITO, kurz für „Cognitive Impairment in Therapy of Breast Cancer“, eine der weltweit größten Studien auf diesem Gebiet. Und zwar mit einer entscheidenden Besonderheit: COGITO ist eine der ganz wenigen Verlaufsstudien, die kognitive Fähigkeiten bereits vor Beginn jeder Krebstherapie untersuchte, also etwa auch vor einer Operation.
Innerhalb des ersten Jahres nach der Diagnose wurde die Untersuchung zweimal wiederholt. Über 100 Brustkrebspatientinnen aus fünf bayerischen Kliniken und hämato-onkologischen Praxen nahmen an der Studie Teil.

„Bereits vor Beginn jeder Krebstherapie fanden sich bei ungefähr einem Drittel unserer Patientinnen auffallend schlechte kognitive Testergebnisse“, berichtet Hermelink. „Gegen Ende der Chemotherapie hielten sich die Veränderungen die Waage: Während 27 Prozent der Frauen vor allem Verschlechterungen zeigten, erzielten 28 Prozent der Teilnehmerinnen überwiegend bessere Testergebnisse. Wir schließen daraus, dass es andere Faktoren geben muss, die schon vor Beginn der Therapie zu einer Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit führen. Diese Faktoren üben bei einem Teil der Patientinnen während der Behandlung weiterhin Einfluss aus, während sich andere Patientinnen bereits wieder davon erholen.“

Auch die Folgen hormoneller Veränderungen auf die geistigen Fähigkeiten wurden in der Studie untersucht, denn die meisten Brustkrebspatientinnen erleben therapiebedingt eine drastische Senkung ihres Östrogenspiegels. Viele geraten durch die Chemotherapie und Hormonbehandlungen sogar abrupt in eine vorzeitige Menopause. „Der Einfluss von Östrogenen auf kognitive Funktionen ist bisher ungeklärt“, so Hermelink. „In unserer Studie zeigte sich aber keine signifikante Wirkung einer Antiöstrogentherapie, und die vorzeitige Menopause hatte bei einem kleinen Teil der Tests sogar einen positiven Einfluss.“ Zusammengefasst lässt sich sagen, dass eine kognitive Beeinträchtigung bei vielen Brustkrebspatientinnen bereits nach der Diagnose und vor der Therapie besteht. Selbst wenn es dafür in dieser Studie keine Anhaltspunkte gibt, kann eine zusätzliche Schädigung durch die Chemotherapie nicht ausgeschlossen werden. Als alleiniger Auslöser kommt die Behandlung aber nicht in Frage. Die Senkung des Östrogenspiegels im Rahmen einer Brustkrebstherapie hatte ebenfalls keinen negativen Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten.

„Wir können deshalb mit Sicherheit sagen, dass es andere Faktoren als eine Chemo- und Hormontherapie geben muss, die bei manchen Krebspatienten die kognitiven Fähigkeiten verschlechtern“, betont Hermelink. „Das Konzept des sogenannten ‚Chemobrain‘ ist also zu vereinfachend und erklärt die Probleme der Betroffenen höchstens zum Teil. Wir gehen davon aus, dass der Stress der Diagnose eine wichtige Rolle spielt. Schließlich kann er unter diesen Umständen wie ein Trauma wirken, was durch die Behandlung noch verstärkt werden kann.
Wir wollen dies jetzt genauer untersuchen: Möglicherweise muss dann der Begriff ‚Chemobrain‘ durch ‚Crisis Brain‘ ersetzt werden.“

Publikationen:
„Short-term effects of treatment-induced hormonal changes on cognitive function in breast cancer patients: results of a multicenter, prospective, longitudinal study.“ Kerstin Hermelink et al., Cancer, Vol. 113, Issue 9, S. 2431-2439, 1. November 2008 „Cognitive function during neoadjuvant chemotherapy for breast cancer: results of a prospective, multicenter, longitudinal study.“ Kerstin Hermelink et al., Cancer; Vol. 109, Issue 9, S. 1905-1913, 1. Mai 2007

Ansprechpartner:
Dr. Kerstin Hermelink
Frauenklinik der LMU München
Tel.: 089 / 7095 – 7579
E-Mail: kerstin.hermelink@med.uni-muenchen.de



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