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“ doch bei nachfolgenden Schwangerschaften ergeben sich höhere Risiken

Jede dritte Schwangere in Deutschland bringt heute ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Bei vielen von ihnen stehen nicht medizinische Gründe hinter dieser Entscheidung, sondern der Wunsch nach einer schmerzfreien Geburt. Das Risiko bei der Operation selbst ist etwa gleich hoch wie bei einer natürlichen Geburt. Doch für folgende Schwangerschaften birgt ein Kaiserschnitt zusätzliche Gefahren.

Einst war der Kaiserschnitt mit Angst und Schrecken verbunden. Er galt als allerletzter Ausweg, um der Mutter und ihrem Baby das Leben zu retten. Heute mag dieses Bild verwundern. Schliesslich wünschen sich manche Frauen sogar eine operative Geburt. Sie lässt sich gut planen, auf den Tag genau festlegen und deshalb optimal mit dem Beruf abstimmen.

Der Kaiserschnitt ist heute zur häufigsten Operation avanciert. Nahezu jede dritte Schwangere in Deutschland bekommt ihr Kind auf diesem Weg. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe erwartet, dass die Zahl in Zukunft weiter steigen wird. Allerdings beklagt ihr Vorsitzender, Klaus Vetter, eine mangelnde und bisweilen unsachliche Aufklärung der Bevölkerung. „Die Geburt ist ein öffentliches Ereignis, bei dem jeder meint, mitreden zu können. Es ist ein emotional vermintes Feld“, so Vetter gegenüber wissenschaft.de. Aus seiner Sicht sollten die Schwangeren mit allen sachlichen Informationen zu verschiedenen Geburtsvarianten versorgt werden, ohne dass ein Ratschlag erteilt wird. Vielmehr sollten sie dann selbst entscheiden, wie sie ihr Kind zur Welt bringen möchten.

Die Realität sieht allerdings anders aus. „Es kommen Frauen mit der festen Überzeugung zu uns, sie bräuchten einen Kaiserschnitt. Sie lassen sich in ihrer Meinung auch gar nicht mehr beirren“, erzählt die Hebamme Beate Helm-Ludwig von der Hebammenpraxis Rundherum aus Falkensee bei Berlin. Die Argumente für den Wunschkaiserschnitt sind dabei oft diffus. Einige fürchten die Schmerzen der natürlichen Geburt. Andere glauben, danach nicht mehr schön auszusehen oder Sex anders zu erleben. Hingegen hadern Frauen, die aus medizinischen Gründen einen Kaiserschnitt machen lassen müssen, mehr mit sich und setzen sich intensiver mit der Geburt auseinander, schildert Helm-Ludwig.

Bei einem Kaiserschnitt wird die Bauchhöhle und die Gebärmutter aufgeschnitten, um das Kind aus dem Leib zu holen. Zwei bis drei Tage nach der Entbindung können Mutter und Kind heute in der Regel wieder nach Hause gehen. „Der Kaiserschnitt ist heute statistisch gesehen genauso sicher wie eine normale Geburt. Es gibt etwa gleich viele Todesfälle“, erklärt Vetter. Auf den ersten Blick gibt es daher keinen Grund, die eine oder die andere Variante zu bevorzugen.

Doch die Tücken der Operation kommen nach dem Eingriff. Das Neugeborene leidet in den ersten Tagen häufig an Atemwegsstörungen, da sich noch Fruchtwasser in der Lunge befindet, das bei einer natürlichen Geburt herausgepresst worden wäre. „Meist legt sich das aber nach kurzer Zeit“, beruhigt Vetter.

Schwerer wiegen seiner Einschätzung nach die Gefahren eines Kaiserschnitts für alle weiteren Geburten: „Ein Kaiserschnitt ist ein erheblicher Risikofaktor für jede folgende Schwangerschaft“, warnt er. Nach der Operation bleibt eine Narbe zurück, die bei jeder weiteren Entbindung aufbrechen kann. Das einmal zerschnittene Gewebe ist nicht mehr so dehnbar. Zudem kann sich der Mutterkuchen in den Narbenkrater einnisten. Bei der Geburt kann er darin hängen bleiben. Reisst der Mutterkuchen ab, dann entsteht eine lebensgefährliche Situation: Die Versorgung des Kindes mit Sauerstoff und Nährstoffen ist unterbrochen. Das Kind droht nach wenigen Minuten zu ersticken. „Das sind sehr brenzlige Momente, die man bei einer Hausgeburt oder in einem kleinen Krankenhaus unter Umständen nicht rechtzeitig in den Griff bekommt“, betont der Mediziner.

Im Unterschied zum Kaiserschnitt entsteht bei einer natürlichen Geburt unmittelbar eine starke emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind, wenn die Entbindung gut verläuft. Beim Geburtsvorgang wird das Hormon Endorphin in grossen Mengen ausgeschüttet. Es sorgt für eine Woge des Glücks auf beiden Seiten und schweisst die soziale Bindung zwischen Baby und Mutter enger zusammen.

Dennoch endet nicht jede Entbindung so freudig. „Es ist wie bei einem Marathon: Manche sind glücklich und befreit, wenn sie ihn gut hinter sich gebracht haben. Aber es gibt eben auch Menschen, die sind völlig erledigt nach der gewaltigen Anstrengung“, so Vetter. Bei einer komplizierten Geburt dominieren am Ende die Stresshormone im Körper der Schwangeren und des Kindes. Bevor die Geburt vollends zur Qual wird, wird deshalb oft ein Kaiserschnitt gemacht, um unnötiges Leid und Stress zu ersparen.

In einigen Situationen haben die Ärzte indes oft keine andere Wahl, als den Bauch aufzuschneiden. Etwa, wenn das Kind mit den Füssen oder dem Steiss nach unten liegt, hat es selten genug Kraft, um auf natürlichem Weg zur Welt zu kommen. Erwartet die Mutter Mehrlinge, so können diese ebenfalls oft nur mit einem Kaiserschnitt lebend zur Welt gebracht werden. Genauso wenig können sich mehr als vier Kilogramm schwere Babys durch den Geburtskanal zwängen. Sie sind schlichtweg zu gross. „Aufgrund der Überernährung werden die Babys aber im Mittel immer schwerer“, so Vetter. Auch deshalb nimmt die Zahl der Kaiserschnitte zu.



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